Experten fordern mehr Diversität in deutschen und internationalen Spenderregistern
Deutschland zählt zu den Ländern mit den größten Stammzellspenderregistern weltweit. Dennoch profitieren nicht alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen von diesen Strukturen. Menschen mit familiären Wurzeln außerhalb Europas haben deutlich geringere Chancen, einen passenden Stammzellspender zu finden – mit unmittelbaren Folgen für ihre Überlebenschancen.
Für viele Betroffene mit Leukämie oder Lymphomen ist die allogene Stammzelltransplantation die einzige kurative Therapieoption. Voraussetzung für den Erfolg ist eine möglichst vollständige Übereinstimmung der sogenannten HLA-Merkmale zwischen Spender und Empfänger. Die deutschen Konsensus-Empfehlungen sehen eine Übereinstimmung in zehn relevanten HLA-Merkmalen vor.(1) Je geringer die Übereinstimmung, desto höher das Risiko schwerer Transplantat-gegen-Wirt-Reaktionen.
Genetische Vielfalt trifft auf strukturelle Ungleichheit
Die Herausforderung liegt in der genetischen Vielfalt: Von jedem relevanten HLA-Gen existieren hunderte Varianten. Weltweit ergeben sich daraus Millionen möglicher Kombinationen. Die Wahrscheinlichkeit einer Übereinstimmung ist daher grundsätzlich gering – und stark abhängig von der ethnischen Herkunft.
Zwar stehen internationale Register mit über 40 Millionen potenziellen Spendern zur Verfügung. Doch diese Register sind historisch gewachsen und überwiegend europäisch geprägt. Rund 70 Prozent der Transplantationen erfolgen über unverwandte Spender aus diesen Datenbanken.(2) Die genetische Diversität der Weltbevölkerung bildet sich darin jedoch nur unzureichend ab.
Die Folgen sind wissenschaftlich belegt: Während Menschen mit europäischem Hintergrund in fast 80 Prozent der Fälle eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, einen geeigneten Spender zu finden, sinkt diese Quote bei Personen aus Ostasien auf rund 40 Prozent. Für Menschen mit afrikanischer Herkunft liegt sie bei lediglich etwa 20 Prozent.(3)
Damit entscheidet die Herkunft in vielen Fällen mit darüber, ob eine lebensrettende Therapie realistisch verfügbar ist.
Gesundheitspolitischer Handlungsbedarf
Diese strukturelle Ungleichheit ist nicht allein ein medizinisches, sondern auch ein gesundheitspolitisches Problem. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dennoch spiegelt sich diese gesellschaftliche Realität in den Stammzellregistern bislang nicht ausreichend wider.
Expertinnen und Experten fordern daher gezielte Aufklärungskampagnen in Communities mit unterrepräsentierter Herkunft sowie niedrigschwellige Registrierungsangebote. Eine größere Diversität unter Stammzellspendern würde die Chancengleichheit deutlich verbessern und langfristig Leben retten.
Zugleich braucht es eine stärkere politische Priorisierung dieses Themas. Registerarbeit, Typisierung und langfristige Spenderbindung sind kostenintensiv und auf nachhaltige Finanzierung angewiesen. Eine diversitätsorientierte Registerstrategie sollte als Bestandteil nationaler Gesundheitsvorsorge verstanden werden.
Nabelschnurblut als ergänzende Vorsorgeoption
Neben der strukturellen Verbesserung der Register kann auch individuelle Vorsorge eine Rolle spielen. Stammzellen aus Nabelschnurblut gelten als immunologisch toleranter und können unter Umständen bei geringerer HLA-Übereinstimmung eingesetzt werden.(2)
Die Einlagerung von Nabelschnurblut bei der Geburt ermöglicht es Familien, im Bedarfsfall auf eine eigene Stammzellquelle zurückzugreifen. Gerade für Familien mit selteneren HLA-Konstellationen kann dies eine zusätzliche therapeutische Option darstellen.
Fazit
Die Stammzelltransplantation ist ein medizinischer Meilenstein – doch ihre Verfügbarkeit ist nicht gleich verteilt. Eine moderne, gerechte Gesundheitsversorgung muss genetische Vielfalt systematisch mitdenken. Mehr Diversität in den Registern, gezielte politische Maßnahmen und ergänzende Vorsorgestrategien sind entscheidende Schritte, um bestehende Ungleichheiten zu reduzieren.
Quellen
1 Fleischhauer, K. et al. (2021). Deutscher Konsensus 2021 zur Spenderauswahl für die allogene Stammzelltransplantation. DAG-HSZT, PAS&ZT, DGI. Version vom 29.09.2021.
2 Deutsches Ärzteblatt (2024). Nabelschnurblutspenden in Deutschland rückläufig – Relevanz könnte zunehmen. Januar 2024.
3 Gragert, L. et al. (2014). HLA Match Likelihoods for Hematopoietic Stem-Cell Grafts in the U.S. Registry. New England Journal of Medicine, 371, 339-348. DOI: 10.1056/NEJMsa1311707
Die FamiCord Group, die in Deutschland unter der Marke Vita34 bekannt ist, ist der Pionier und Marktführer im Zellbanking in Europa. Mit rund 750 Mitarbeiter*innen sind wir in mehr als 30 Ländern tätig und erwirtschaften einen Jahresumsatz von über EUR 75 Mio. In über 25 Jahren Unternehmensgeschichte haben wir über eine Million Zellpräparate eingelagert und die Therapie von über 7.000 Menschen unterstützt.
Firmenkontakt
Vita34.de
Johanna Schuffenhauer
Perlickstraße 1
1030 Wien
00436508117999

https://vita34.de
Pressekontakt
thinkers GmbH
Isabell Claus
c/o Inits Maria-Jacobi-Gasse 1
1030 Wien
00436508117999

https://thinkers.ai
Die Bildrechte liegen bei dem Verfasser der Mitteilung.